4 Übergänge, die den Bildungssektor auf den Kopf stellen werden

Wir beleuchten vier Übergänge im Trainingsbereich (besprochen von Danny Iny in seinem fantastischen Buch „Leveraged Learning“), die unsere Art des Lernens und Lehrens komplett auf den Kopf stellen werden.

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Seitdem die Länder wegen COVID-19 in den (Halb-)Lockdown gegangen sind, habe ich viele Artikel darüber gesehen, die zeigen welche Auswirkungen dies auf die Ausbildung haben wird. Die Menschen sind gezwungen nach neuen Wegen zu suchen, um Wissen zu teilen. Sie entdecken Technologien, von denen sie vor ein paar Wochen noch nicht einmal ahnten, dass sie existieren.

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Krise und Chance gehen Hand in Hand. John F. Kennedy hat es schön auf den Punkt gebracht: „Im Chinesischen besteht das Wort für ‘Krise’ aus zwei Zeichen. Das eine steht für die Gefahr und das andere für die Chance.”

Wahrscheinlich besteht eine der größten Chancen darin, die Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen zu überdenken – genau wie alle anderen die sich weiterbilden. Zu oft nehmen wir uns nicht die Zeit, um nachzudenken und springen sofort zu Lösungen, die nicht von Dauer sind.

Ich habe mit etlichen Unternehmensleitern und mit L&D-Abteilungen gesprochen, die jetzt Überstunden machen, weil sie ihre Schulungsangebote in rasantem Tempo digitalisieren müssen. In vielen Fällen führt dies zu einer Lösung, bei der die Präsenzschulung durch Live-Webinare ersetzt wird. Kurz gesagt, wir verlassen uns auf die Technologie, um Wissen auf eine andere Art zu vermitteln. Aber wir verpassen eine große Chance… Die Chance, die alte Art des Trainings komplett umzuwandeln, in eine Art, die für  Lernenden viel motivierender ist und bei der das Lernmaterial viel besser haften bleibt.

Deshalb beleuchte ich vier Übergänge im Trainingsbereich (besprochen von Danny Iny in seinem fantastischen Buch „Leveraged Learning“), die unsere Art des Lernens und Lehrens komplett auf den Kopf stellen werden.

1. Von Echtzeit bis halbsynchron

In der Vergangenheit kannten wir nur eine Formel: Die, bei der die Studierenden genau im Voraus wussten, zu welcher Zeit sie wo sein mussten, um eine Lektion von einem Lehrer oder Dozenten zu erhalten. Da wir uns aber mehr Wissen als je zuvor aneignen müssen und weniger Zeit haben den Lernstoff zu verarbeiten, sind solche traditionellen Lernmethoden nicht mehr effizient.

Wir sind inzwischen mit Blended-Learning-Methoden vertraut, obwohl es vielen immer noch schwerfällt aus 1 + 1 eine 3 zu machen.

2. ‚Für den Fall dass‘  bis ‚genau pünktlich‘

Lernen war früher etwas, das man vor dem Eintritt ins Berufsleben gemacht hat. Aber das stimmt in unserer modernen Welt nicht mehr. Es ist so viel einfacher Zugang zu Informationen und Schulungen zu haben, wenn Sie sie wirklich brauchen. Die Umstände ändern sich so schnell, dass das Wissen, das Sie sich “für den Fall der Fälle” angeeignet haben, zu dem Zeitpunkt, an dem Sie es tatsächlich brauchen, wahrscheinlich schon veraltet oder irrelevant ist. Lawrence Summers, ehemaliger Rektor der Harvard University, sagte: „Zunehmend wird alles, was Sie lernen, innerhalb von zehn Jahren veraltet sein. So wird die Lernmethode selbst zur wichtigsten Lektion.“

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Also keine Flut von Lektionen mehr zu Beginn unserer Karriere. Aber wie soll diese ersetzt werden? Die Antwort liegt im Training in kleinen Partikeln, verteilt über unser ganzes Leben. Das Projekt „Stanford 2025 für eine neue Zukunft der Bildung“  sagt voraus, dass die derzeitigen vier Jahre zwischen dem 18ten und 22sten Lebensjahr durch sechs Jahre, verteilt über das ganze Leben, ersetzt werden.

Der Übergang zum lebenslangen “just in time”(genau pünktlich) ist in vollem Gange. Aber im Kontext des lebenslangen Lernens ist es nicht naheliegend, ein ganzes Semester für die Entwicklung von Fähigkeiten aufzuwenden, geschweige denn ein oder mehrere Jahre. Also werden die Kurse verkürzt und so gestaltet, dass man sie zwischendurch machen kann, während das Leben einfach weiterläuft.

Rohit Bhargava nennt es in seinem Buch „Non-Obvious“, “Lernen in Lichtgeschwindigkeit”. In seinen Worten: “Der Weg zur Beherrschung eines jeden Faches ist glatter und schneller mit Hilfe von überschaubaren Lernmodulen, die das Lernen zeitsparender, motivierender, nützlicher und lustiger machen.”

3. Von der Information zur Transformation

Reines Wissen ist leicht zu absorbieren. Alles, was Sie brauchen, ist eine gute Erklärung und vielleicht ein paar Wiederholungen. (Und dann wird es Ihnen gut gehen.) Die Entwicklung einer Fähigkeit kann mit einer guten Erklärung und Wiederholung beginnen, aber das ist nicht genug.

Sie brauchen auch den Input und die Erfahrung von realen Anwendungen. Sie brauchen Feedback, um zu wissen, ob Sie auf dem richtigen Weg sind oder Ihren Kurs anpassen müssen. Sie brauchen die Möglichkeit diese Anpassungen vorzunehmen und die Ergebnisse zu sehen.

Lernen kann nur dann transformativ sein, wenn es um die einzigartigen Stärken und Fähigkeiten der jeweiligen Lernenden herum aufgebaut ist. Der zusätzliche Vorteil ist, dass die Motivation der Lernenden steigt, gerade wenn es immer schwieriger wird seine Aufmerksamkeit zu behalten. 

4. Von obligatorisch zu freiwillig

Auf fast jeder HR-Konferenz gibt es immer mindestens eine/n Hauptredner/in, der betont, wie wichtig es ist, dass die Mitarbeitenden selbst über ihre Entwicklung entscheiden können. Es liegt dann an den Organisationen, ein Menü mit verschiedenen Kursen zu erstellen und ihre Angestellten daraus wählen zu lassen. Die Studierenden haben auch immer mehr die Freiheit zu wählen, welche Kurse sie in welchem Semester belegen wollen, und können so einen personalisierten Lehrplan erstellen. Nun, ich stimme zu … und widerspreche diesen Behauptungen.

Früher, als man anfing, den Lernenden mehr Freiheiten zu geben, wurden oft MOOCs (Massive Open Online Courses) eingerichtet. Aber im Laufe der Zeit wurde klar, dass diese in den meisten Fällen nicht funktionierten. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass nur 15% der MOOCs abgeschlossen werden. Warum ist diese Zahl so überaus niedrig? Wollen Menschen nicht lernen? Sind wir grundsätzlich unfähig, das zu beenden, was wir beginnen? Vielleicht sollten wir nicht zu lang nach dem Grund suchen.

Vielleicht bieten MOOCs einfach zu viel Freiheit und Auswahl. Eine Sache ist klar. Wir brauchen ein gesundes Gleichgewicht zwischen dem Zulassen von Freiheiten und der Verpflichtung einiger Aspekte des Programms.

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Manchmal werden diese niedrigen Abschlussraten auf eine zunehmend kurze Aufmerksamkeitsspanne zurückgeführt. Die Statistik stammt aus einer Fehlinterpretation einer Studie, die Microsoft im Jahr 2015 durchgeführt hat. Diese Studie zeigte, dass es etwa 8,5 Sekunden dauerte, bis die Aufmerksamkeit der Probanden von dem, was ihnen präsentiert wurde, abschweifte. Aber was uns die Studie wirklich sagt, ist, dass es 8,5 Sekunden dauert, bis sich der Verstand der Trainierenden fragt, ob es nichts Interessanteres gibt, auf das sie sich konzentrieren können.

Trainingsentwickler/innen können zwischen zwei Strategien wählen, um dieser Herausforderung zu begegnen:

  1. Schränken Sie die Auswahl ein: Geben Sie Start- und Endtermine sowie Fristen vor, um den Schüler/innen buchstäblich und bildlich auf Kurs zu halten.
  2. Entwickeln Sie Kurse, die motivierend genug sind, um sicherzustellen, dass die Studierenden sie anderen Dingen vorziehen, die um ihre Aufmerksamkeit buhlen. …, dass diese von Studierenden eher vorgezogen werden als von anderen Dingen, die um ihre Aufmerksamkeit buhlen.

“Die vier oben skizzierten Übergänge finden genau jetzt statt und werden die Art und Weise, wie wir Schulungen anbieten und durchführen, tiefgreifend verändern. Ich hoffe aufrichtig, dass Lehrende und Wirtschaftsführende diese Übergänge im Auge behalten und die aktuelle Situation in eine Chance verwandeln, um das Beste daraus zu machen. Technologie wird eine entscheidende Rolle bei der Unterstützung dieser Übergänge spielen und viele Menschen auf ihrem Weg des lebenslangen Lernens voranbringen.“


Guy Van Neck
Gründer & CEO MobieTrain